Oscheffer Kiesloch: Gemeinde Mainaschaff

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Oscheffer Kiesloch

Erinnerungen an ein naturbelassenes Paradies & ein Dorf im Wandel

Wir wohnten in der Friedenstraße 3 und meine Kindheit erlebte ich am und im Kiesloch. Über diese Zeit (von 1926 - 1936) weiß ich folgendes zu erzählen:

Für uns Kinder war das Kiesloch der herrlichste Spielplatz auf der Welt. Wir konnten dort floßfahren, rodeln, und spielen, wir konnten Frösche und Kaulquappen fangen. Zu meiner Zeit war das Wasser im Kiesloch kniehoch.

Es waren überall Wasserpflanzen und auch Schlinggewächse. Schön war der rote Kolben (25-40 cm hoch), eine sehr verbreitete Wasserpflanze. Das Kiesloch westlich des "Pässpädschens" war wildromantisch. Heute würde man es als schutzwürdiges Biotop einstufen. Es war ca. 8-10 m tief und umzäunt von Akazienbäumen, immergrünen Brombeerbüschen, Himbeerbüschen, Hollunderbüschen und allerlei Buschwerk, Gestrüpp, Disteln und Kletten. Steil abfallend waren die rundum mit Seegras, Haselnüssen, Kletten, Dornengestrüpp und Büschen begrünten Böschungen, die nach unten zu einem herrlichen kleinen See führten. Dessen Quelle, welche den See speiste, sorgte dafür, dass er auch im heißesten Sommer nicht austrocknete. Im Gras lebten viele kleine grüne Laubfrösche, Kröten, Kamm- und Teichmolche. Im Wasser waren viele Frösche, Lurche, Wasserläufer, und der Rückenschwimmer (eine Wasserwanze).

Am Rand wimmelte es von Schnaken, Libellen, Wasserinsekten, Feuersalamandern, Blindschleichen und Ottern. Wir Kinder wurden vor Kreuzottern gewarnt, haben jedoch nie welche gesehen. Im See stand Schilfrohr, welches im Herbst herrliche braune Schilfkolben hatte. Den Schilfhalmen konnte man helle und schrille Töne abgewinnen. Einmal hatte Winfried Reiling einen Schilfhalm im Mund, fiel hin und der Halm verletzte ihm den Kehlkopf. Es hätte ihn fast die Stimme gekostet. Lange Zeit war seine Stimme komisch ... der dicke Dr. Kaufmann hat ihm aber wieder zu einer normalen Stimme verholfen. Das weiter östlich gelegene Kiesloch war Standort der Kieslochindianer, die hier ihre "Wohnungen" bauten. Die vom Kiesloch lagen meist mit denen vom Unterdorf im Clinch; dieser setzte sich vor allem in der Schule fort, was die von der Maingasse am meisten zu spüren bekamen. Nur wenn am Main die Zigeuner lagerten und die Zigeunerkinder auch die Oscheffer Schule besuchten, herrschte Frieden, weil jeder dann gerne unten am Main war. Dann und bei der Kerb war endlich mal etwas los im Dorf. Friede herrschte auch während der Badesaison. Das Wehr war für alle Anziehungspunkt und wer schwimmen konnte war der King und ließ sich, wenn geflutet wurde, d.h. ein Schlepper kam, bis zur Stockstädter Bahnbrücke mitreißen. Beide Kieslöcher wurden von der zweigleisigen Bahnlinie Aschaffenburg-Darmstadt im Norden begrenzt. Ein Holzkreuz, das sich drehte, war die Abgrenzung vor den Schienen. Dieses Kreuz mußte man passieren, wenn man zum Handball-Platz, Friedhof und Kapellenberg wollte. Am Kiesloch gab es keinen Bahndamm, der begann erst weiter östlich nach dem Turngarten. Richtung Aschaffenburg ging ein Pfädchen entlang des Bahndammes. Rechts vom Pfädchen waren Kornfelder und viele Maisfelder. Am Bahndamm wuchsen damals viele heute nicht mehr wildwachsende Blumen. Besonders schön war eine violettrote kleine Lichtnelke in Oscheff "Hägoddsdrebbsche" genannt und die 50 cm hoch werdende "Zichorie", blaublühend, verzweigt und mit vielen sternförmigen Blüten. Die Früchte waren wie kleine Gurken. Das Grundstück von der Schneiders Marie war durch einen "Holzstachettenzaun" abgetrennt vom Kiesloch.

Nordwestlich des Grundstücks befanden sich Sandberge und mehrere größere Kuhlen, in die bereits 1930 Müll aus dem Dorf - vor allem Erdal-Dosen - gekippt wurden. Nördlich davon wechselten sich Sandhügel und Sandkuhlen ab. In diesem und im vorderen Bereich wurde der Bausand für die Baumaßnahmen im gesamten Ort und das Auffüllmaterial für die Kellerräume in den einzelnen Häusern entnommen. Vor allem beim eigenen Hausbau vor der Hochzeit wurde von allen Nachbarn und Freunden abends und auch an Sonn- und Feiertagen mitgeholfen.

Jedes Haus hatte früher einen Kellerraum, welcher mit 30-50 cm Sand aufgefüllt war. Hier wurden die Produkte aus dem eigenen Garten, wie Sellerieknollen, Lauch, Apfel, Gelbe Rüben, Kartoffel usw. über den Winter eingelagert und Gemüse eingeschlagen. In diesen Kellern stand auch das Fass Apfelwein, das in keinem Haus fehlte. Die Keller hatten untereinander keine Türen, die Räume waren untereinander offen; eine sehr steile Treppe führte hinab.

In Oscheff waren damals die Brunnennachbarschaften besonders auffallend. Die Grundstückseigentümer gruben ihre Brunnen genau auf der Grenze und jeder hatte dann auf seinem Grundstück eine Pumpe. So war damals die Wasserversorgung in Mainaschaff gesichert. Als die ehemaligen Kieslöcher verfüllt waren, befand sich nach dem II. Weltkrieg dort der Dreschplatz.

In den Jahren 1967/69 wurde dort die alte Maintalhalle gebaut. Mit der neuen Maintalhalle, die rund 13 Mio. DM kostete, schaffte die Gemeinde für ihre Bürger und Vereine ein kulturelles Zentrum.

Durch meine überaus schöne Kindheit am-um-im Kiesloch, bin ich nach wie vor mit Oscheff sehr verwurzelt und besuche sehr gerne meine Freunde, wann immer ich dazu Zeit finde.

Inge Teschler